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LIVE TAPE 16.66

“Ich würde mich am liebsten jedes Jahr neu erfinden“


Georg Altziebler über das Album “Live Tape“ als Momentaufnahme einer Band: Der Mastermind von Son of the Velvet Rat und seine Mitstreiter ließen es im Porgy & Bess unvermutet krachen.

Thomas Trenkler

Du hast Dich lange gegen ein Live-Album gesträubt. Was hat Dich nun bewogen, “Live Tape“ herauszubringen?

Der Grund für ein neues Album ist, dass man neue Songs hat, die man gerne teilen möchte. Für ein Live-Album hingegen fehlt dieser Druck. Man will bloß einen Moment festhalten, im Idealfall einen besonderen Moment. Ich war im September 2013 mit der Band auf Tournee durch Österreich und habe die Konzerte im Porgy & Bess in Wien und tags darauf im Grazer PPC mitschneiden lassen. Auf “Live Tape“ ist das Konzert im Porgy & Bess zu hören. Den Ausschlag gab der Sound, der eindeutig besser war.

Auch wenn Du keine neuen Nummern spielst, so versuchst Du zumindest immer wieder neue Interpretationen. Im Porgy & Bess hast Du knochentrockene Versionen von Songs der letzten drei Alben vorgestellt.

Das ist auch das Spannende: Dass man die Nummern jedes Mal, wenn man auf der Bühne steht, neu erfinden und mit neuen Bedeutungen versehen kann. Es ist manchmal nur eine Frage der anderen Betonung von Silben – und schon ändert sich die Energie.

2010 erschien als Bootleg die Live-CD „SotVR@Hotel Cafe“. Du spielst zusammen mit Deiner Lebenspartnerin Heike Binder an den Keyboards und mit der Cellistin Helen Belangie; das Konzert ist sehr schwermütig. Ist “Live Tape“ das Gegenstück dazu?

Das war damals kein Mehrspur-Mitschnitt, eine reguläre Veröffentlichung wäre für mich nicht in Frage gekommen. Ja, man könnte “Live Tape“ als Gegenstück bezeichnen. Ich hatte eben die Band, daher stand der Ensemble-Sound im Vordergrund. Kammermusik versus Garage-Rock sozusagen.

Es gibt auf “Live Tape“ nur einen einzigen ruhigen Song: Du spielst ohne Begleitung “Firedancer“. Er wirkt fast wie ein Fremdkörper.

“Firedancer“ war eigentlich die erste Zugabe. Aber mir gefiel es besser, wenn der Song mittendrin ist. Wir spielten etwa 20 Nummern, für das Album habe ich die für mich besten zehn ausgewählt. Daher musste ich mir eine neue Abfolge überlegen. Denn ich hab’ es zum Beispiel nicht gern, wenn zwei Nummern in A-Dur hintereinander folgen. Es ging mir darum, die Songs in einen stimmigen Bogen zu bringen. Das Album ist wie ein Mini-Konzert aufgebaut – und hört mit der letzten Zugabe auf, mit “All of My Senses“ von Grant Hart, einem Song von seiner ersten Solo-Platte aus 1990. Er hat den Leuten offenbar gefallen. Hört sich zumindest so an.

Hast Du im Studio nachbessern müssen?

Nein. Fehler stören mich nicht, wenn die Energie stimmt. Es gibt aber zwei Overdubs. Albrecht Klinger spielte bei “Same Monkey“ und “I am a Jet Pilot“ Gitarre, mit einem Fuß-Keyboard legte er eine Bassfläche dazu. Es gab keine akzentuierte Line. Daher hat Albrecht bei diesen Nummern nachträglich den Bass draufgespielt.

Der Songwriter und der Rock-Musiker: Zwei Seiten von Georg Altziebler?
Das ist für mich kein “Entweder/oder“. Es gibt verschiedene Inkarnationen des Projektes. Ich will auch keine Festlegung auf einen Stil oder ein Genre. Es macht mir Spaß, Lärm zu machen. Aber ich will auch das Ruhige. Manche Songs kommen allein am besten. Heike liebt das Zerbrechliche, sie steht eher auf diesen Teil meiner Musik.

Ihr seid nun schon etwa ein Jahrzehnt zusammen. Hatte sie anfangs nicht Scheu sich einzubringen?

Ich habe sie schon ein bisschen drängen müssen ... Im Sommer 2004 spielte ich in Amerika etliche Konzerte: Los Angeles, Arizona, Colorado, Seattle und so weiter. Heike begleitete mich. Im Lauf der Zeit kannte sie die Lieder auswendig. Zum Schluss, in San Francisco, sang sie drei Nummern auch auf der Bühne mit. Das war der Anfang. Nun spielt sie Keyboards, Harmonium und Akkordeon: nie zu viel, so subtil wie notwendig. Heike ist eine großartige Musikerin. Ich spiele mit ihr auch im Duo. Da gibt es keine rhythmische Bass/Schlagzeug-Basis, es zählt der Song. Das ist auch sehr spannend. Ich möchte das eine nicht gegen das andere eintauschen. Das Konzert im Porgy & Bess ist eben nicht mehr und nicht weniger als eine Momentaufnahme mit der Band.

“Live Tape“ erinnert phasenweise an Pure Laine, Deine erste Band.

Das höre ich gar nicht gerne. Aber ich verstehe es wegen des Rock-Kontextes.

Warum hörst Du das nicht gern?

Weil ich mit nichts zufrieden bin, was früher war. Am liebsten würde ich alles ungeschehen machen. Ich kann mir die alten Aufnahmen nicht anhören. Es fiele mir zu viel auf, was ich heute anders machen würde. Das heißt nicht, dass die Songs schlecht waren. “Burn“ zum Beispiel ist gut. Ich glaube, ich habe ein paar wirklich gute Nummern in meinem Leben geschrieben, aber es selten geschafft, sie so umzusetzen, wie ich es mir gewünscht hätte. Die Form, die wir im Studio gefunden haben, wird ihnen nicht ganz gerecht. Das verstehen viele nicht, die diese Aufnahmen lieben, aber für mich ist es so. Zufrieden bin ich lediglich mit den letzten beiden Platten von Son of the Velvet Rat, da gibt es ein paar schöne Momente.

Woher kommt Deine Unzufriedenheit?

Ich kann die Frage nicht beantworten. Ist ein Maler je mit einem Bild zufrieden? Ein Regisseur mit einer Inszenierung? Wenn man eine Platte macht, muss man natürlich irgendwann sagen, dass sie fertig ist. Man muss sie so nehmen, wie sie dann ist. Aber denken sich nicht auch der Maler und der Regisseur später, dass sie dieses oder jenes anders hätten machen müssen?

Hat das mit Deiner klassischen Musikausbildung in Graz zu tun?

Nein. Ich hab mit zehn Jahren Geige zu lernen begonnen. Es war schrecklich. Einmal musste ich im Konservatorium kotzen. Dann hat mich meine Mutter davon erlöst. Ich kann mich noch gut an das Kratzen der Geige erinnern. Das Gitarrespielen hab’ ich mir dann selber beigebracht.

Was war der Auslöser dafür, dass Du Lieder schreiben wolltest?

Schwer zu sagen, ich hab’ viel Musik aufgesogen. Aber an eine Begebenheit kann ich mich gut erinnern. Ich war während einer Supplierstunde allein im Klassenzimmer. Ein Kassettenrecorder stand herum, ich drückte auf die Play-Taste – und es kam “I Want You“ von Bob Dylan heraus. Das war ein magischer Moment.

Pure Laine gab es bis etwa 1994. Du sollst den Namen in Bloom geändert haben, weil niemand kapierte, dass Pure Laine französisch ist und “reine Wolle“ bedeutet: Man verwechselte ihn mit “pure line“.

Das stimmt, das hat mich gestört, aber der eigentliche Grund war, dass ich mich neu erfinden wollte. So kam es zu Bloom und dann zu Bloom 05. Ich würde mich am liebsten jedes Jahr neu erfinden. Aber das geht nicht, weil die Aufbauarbeit viel zu groß ist.

Ein Lied aus der Pure-Laine-Zeit kannst Du doch akzeptieren: “La vache qui rit“ hast Du 2009 auf “Animals“ nochmals interpretiert.

Ja, den Song wollte ich wieder ausgraben.

Und nach wie vor spielst Du den „Hotel Song“, der erstmals 1995 auf dem Bloom-Album “Slow Star“ erschien. Er ist auch auf “Live Tape“ zu hören.

Ich mag den Song gerne. Er beschreibt ohne Metaphern ein paar Vorkommnisse, eigentlich nur einen Abend, in meinem Leben. Eine einfache Wahrnehmung niederzuschreiben habe ich nie gemacht. Daher ist der Song nach wie vor etwas Besonderes.

Bloom 05 erhielt für “Stills & Honey“ viel Kritikerlob. Im Jahr darauf, 2002, erschien noch eine CD – und dann kam es zu einer wirklichen Veränderung: Dein neues Projekt zusammen mit Robert Kres nannte sich Some Velvet Morning.

Das ist ein Lied von Lee Hazelwood. Auf Dauer wollte ich aber nicht den Namen von einem Song eines anderen Musikers herleiten. Ich wollte einen Namen, der kompliziert ist, der abschreckt, der möglichst schwer zu merken und zu vermarkten ist. Daher Son of the Velvet Rat.

Stehst Du Dir manchmal selbst im Weg?

Sicher.

2003 kam auch “By My Side“ heraus. Auf diesem Album spielst Du alle Instrumente selber. Danach hast Du zwei Platten in Nashville aufgenommen und mit Lucinda Williams gesungen. Du suchst immer einen Neuanfang – auch mit dem offiziellen “Bootleg“ aus 2010. Und 2012 hast Du “It’s a Long Way to the Top (If You Wanna Rock & Roll)“ gecovert. Deine Version klingt deprimierend.

Vom Inhalt her hat die Nummer aber nichts mit meiner Situation zu tun. Das ist eben ein prototypischer Rock-Song. Wenn man sich solche Nummern vornimmt, dann will man sie in einen völlig anderen Rahmen stellen. Es hätte keinen Sinn, AC/DC links überholen zu wollen. Die gesamte CD “Reaper“ besteht aus Coverversionen. Ich wollte etwas Reduziertes, Karges und Offenes – mit viel Raum zwischen den Tönen. Deshalb hab’ ich auch “Happy“ von den Rolling Stones ausgesucht. Meine Versionen sind ganz weit weg vom Original.

Welche Veränderung planst Du nun?

Meine Musik soll “swingender“ werden, vor allem im Bandkontext.

Viele Deiner Lieder handeln von der Liebe und der Sehnsucht. Könnte irgendwann der Punkt kommen, wo Du Dir eingestehen musst, nichts mehr Neues zu sagen zu haben?

Die Angst vor diesem Moment ist immer da. Und ja, ich will mich nicht wiederholen. Andererseits - Liebe ist nur ein Wort, aber es schwingt so viel mit. Die Liebe wird mich immer beschäftigen – wie auch der Tod. Bis ich selbst unter der Erde bin.

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